Liberalkonservative Offensive Neoliberal? Egal!
 
Der dressierte Mann
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Karriereleiter oder Hamsterrad?

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16.04.02
Es gibt wenig Menschen, denen ich mit so wenig Selbstbewusstsein entgegentrete wie Patrick. Meine Unsicherheit ihm gegenüber rührt wohl daher, dass er als alter Jugendfreund für mich eine Art Instanz ist, wie die Eltern oder andere Autoritäten Instanzen im Leben eines Menschen sind. Dieser Instanz erzähle ich nicht einfach bei Gelegenheit, was ich so mache, sondern ihr gegenüber muss ich es erklären, ja fast beichten, in der Erwartung möglicherweise gleich zerpflückt zu werden. Genau so habe ich es gestern gehalten. Ich eröffnete ihm, dass ich neue Akzente in meinem Leben gesetzt habe, mir nicht mehr so viele Sorgen zu machen, weniger zu arbeiten und mehr zu Leben. Als ich dann jedoch erzählte, dass ich seit einiger Zeit Tagebuch schreibe mit dem Ziel, es irgendwann vielleicht einmal zu veröffentlichen, hat er den Finger auf den wunden Punkt gelegt: Damit könne man kein Geld verdienen.

Hierzu kann ich nur sagen: Das weiß ich auch! Es geht mir aber nicht, jedenfalls nicht in erster Linie, um das Geldverdienen. Ich schreibe unter anderem deswegen, um meine Gedanken festzuhalten, die mir vor allem morgens, wenn ich noch zu Hause bin, durch den Kopf gehen und mich unruhig machen. Durch das Schreiben kann ich die überschüssige Energie und die Aggression kanalisieren. Ich habe dadurch gewissermaßen die Möglichkeit, die durch meinen Kopf schießenden Gedanken zu sublimieren, etwas Sinnvolles daraus zu machen. Und wenn es nur eines Tages für einen Wissenschaftler ein interessantes Dokument werden sollte, welche Ideen aus einem kranken Hirn erwachsen können.

Indessen glaube ich nicht wirklich, dass ich verrückt bin. Vielleicht habe ich im Gegenteil von Gott eine Aufgabe auferlegt bekommen. Vielleicht habe ich eine wichtige Funktion als Gesellschaftskritiker, als Dissident? Fast schon sehe ich mich wie Konstantin Wecker als Revoluzzer, nur dass ich für die Sache Jesu kämpfe und für bürgerliche Ideale und Werte. Mein Ziel ist nicht der Sozialismus, sondern eine Marktwirtschaft ohne Leistungsdruck. Ein freies Leben in der Rechtfertigung vor Gott ohne die Bevormundung durch einen überdimensionierten Staat und allzu einflussreiche Gewerkschaften, welche vorwiegend der Besitzstandswahrung von Arbeitsplatzbesitzern verpflichtet sind. Eine Gesellschaft, die den Einzelnen selbst entscheiden lässt, ob er viel oder wenig leisten will, ob er dementsprechend viel oder wenig verdienen will, ob er sich Vollkaskoversichern will oder nur gegen die schlimmsten Wechselfälle des Lebens, und so weiter. Statt dessen leben wir in einem Staat der sozialen Vollversorgung, der den Leistungsträgern zu seiner Finanzierung so viel Geld abknüpft, dass so langsam aber sicher die bürgerlichen Freiheitsrechte in Gefahr sind.

 

Patrick ist übrigens einer von denen, die von dem System profitieren, denn er ist praktizierender Arzt. Das Geld, das Unternehmen und Arbeitnehmern mit den Beiträgen zur Krankenversicherung abgeknöpft wird, bekommen unter anderem die Ärzte. In der Gesellschaft, die ich mir auf die Fahnen geschrieben habe, müssen Ärzte nicht nur selbst sehen, wie sie an ihre Kunden kommen, sondern sich auch damit abfinden, dass die Patienten zu dem Arzt gehen, der ihren Geldbeutel und die Versichertengemeinschaft langfristig am wenigsten belastet. In meiner Gesellschaft verdienen die Webdesigner möglicher Weise mehr als die Ärzte, jedenfalls dann, wenn sie mehr arbeiten. Es handelt sich um eine sehr zeitintensive und nervenaufreibende Tätigkeit.

Auch wenn ich nun seit fünf Jahren im Internetgeschäft tätig bin, muss ich immer wieder neu feststellen, welche Herausforderung es ist, eine ansprechende, gut getextete und funktionierende Website mit intuitiver Benutzerführung zu erstellen. Das Internet wird an Bedeutung stetig zunehmen und ich bin zuversichtlich, dass meine Arbeit eines Tages auch finanziell gewürdigt wird. Und bis dahin brandmarke ich es als Ungerechtigkeit, dass ich mit meiner Arbeit nichts verdiene, wohingegen andere auch ohne Berufstätigkeit ihre Staatsknete oder anderes Einkommen Monat für Monat überwiesen bekommen. Insofern kann ich nur Konstantin Wecker beipflichten, wenn es aus ihm herausschreit: "Was ihr Recht nennt, nenn ich Macht!"

17.04.02
Immer wieder neu werde ich darauf gestoßen, dass die These von der Diskriminierung der Frau in unserer Gesellschaft ein Ammenmärchen ist. Ein Mythos, der von beiden Geschlechtern aufrechterhalten wird, um die wahren Verhältnisse zu verschleiern. Zumindest finden sich eine Reihe von Hinweisen, die darauf schließen lassen, dass in Wirklichkeit die Männer benachteiligt werden. Bei näherer Betrachtungsweise komme ich jedoch zu dem Ergebnis, dass eine Benachteiligung des einen oder des anderen Geschlechtes nur zu erkennen glaubt, wer eine bestimmte Perspektive einnimmt. So sehen paradoxer Weise die Feministinnen die Wirklichkeit aus der männlichen Sicht, weil sie Beruftätigkeit, Karriere und Verdienst zum allein gültigen Kriterium für ein erfülltes Leben machen. Auf der anderen Seite mache ich gemeinsam mit Esther Vilar manchmal den Fehler, einseitig die weibliche Brille aufzusetzen, und die Vorteile von Männern in dieser Gesellschaft herunterzuspielen. In der Tat kann es für einen Menschen die Erfüllung sein, sein Leben für ein Unternehmen einzusetzen und Gratifikationen materieller und ideeller Art entgegen zu nehmen. Doch ist der Fall dann um so tiefer, wie wir es eben erst wieder beim Medienunternehmer Leo Kirch gesehen haben.

Um aber nicht vor der Zeit auf Harmonie zu machen möchte ich die Sprache auf die Ungleichbehandlung bei der Wehrpflicht bringen. Erst vor ein paar Tagen hat das Bundesverfassungsgericht die einseitige Verpflichtung von Männern bestätigt. Die Begründung ist für mich ein Lehrstück dafür, wie die Arroganz der Macht oder besser die normative Kraft des Faktischen sich über jegliches Gerechtigkeitsempfinden hinwegsetzt. Da wird festgestellt, dass die Wehrpflicht allein für Männer und der Grundsatz der Gleichbehandlung zwei im Grundgesetz verankerte Bestimmungen seien, die nicht gegeneinander ausgespielt werden können. So weit ich mitbekommen habe hat die Öffentlichkeit das Urteil nur zur Kenntnis genommen. Kein Aufschrei, kein Protest, keine Gegenargumentation war zu hören, wie es üblich ist, wenn Benachteiligungen von Männern fortgeschrieben werden sollen. Für mich hat der ausbleibende Protest etwas Gespenstisches. Die Benachteiligung des männlichen Geschlechtes geht so weit, dass sie noch nicht einmal erkannt wird, geschweige denn, dass man sicht wehrt, wenn sie erneut zementiert werden soll.

Gestern gab es eine erste mündliche Verhandlung vor dem Europäischen Gerichtshof zur gleichen Frage. Ein 19-Jähriger hatte geklagt und wird durch seinen Vater, der Rechtsanwalt ist, vertreten. Er wolle Karriere machen und sehe sich durch die Wehrpflicht gegenüber den Frauen benachteiligt. So wie es aussieht wird im Herbst auch diese Klage abgeschmettert werden. Den Richtern liegt das vorgebliche Interesse des Staates näher als die Gerechtigkeit. Die Aussicht, dass der Staat nach der Aufhebung der Wehrpflicht ein Berufsheer aufbauen müsste und auf die Zivildienstleistenden verzichten müsste, ist ihnen Anlass genug, die Rechte von Männern mit Füßen zu treten.

Andere Rechtfertigungen für solche Ansichten kann ich ebenfalls nur als Frechheit bezeichnen: Frauen würden im Durchschnitt 1,3 Kinder in die Welt setzten und sich auch um die Pflege von Alten und Kranken kümmern. Ganz abgesehen davon, dass sie dies aufgrund der fixen Idee der Selbstverwirklichung durch Berufstätigkeit immer seltener auch tun: Kinder in die Welt zu setzen ist ein Teil der Lebensplanung von Frauen und Männern. Und keine Frau wird gezwungen, ein Kind zu bekommen! Auch wird keine Frau gezwungen, sich um pflegebedürftige Angehörige zu kümmern. Männer hingegen werden zum Wehrdienst gezwungen und müssen sogar mit Gefängnisstrafe rechnen, wenn sie sich der Einberufung widersetzen. Es handelt sich dabei um eine Einschränkung der bürgerlichen Freiheitsrechte, wie man sie eben nur mit Männern machen kann. Ihnen wird durch die gebetsmühlenartige Wiederholung der Behauptung, Frauen seien benachteiligt, Sand in die Augen gestreut. Über den Wahrheitsgehalt dieser Aussage denken sie nicht nach, weil sie sich als Gewinner sehen. So wie auch ihre Rolle von ihnen verlangt, lieber Gewinner statt Verlierer und lieber Täter statt Opfer zu sein.

18.04.02
Unsere Soziale Marktwirtschaft ist eine frauenzentrierte Gesellschaft. Familie, Gesetzgebung, Wirtschaft - alle wichtigen Institutionen sorgen dafür, dass das weibliche Geschlecht seine Privilegien behalten, ja noch weiter ausbauen kann. Selbst junge Mütter werden ermutigt, berufstätig sein, und dabei wird keine Rücksicht auf das Wohl der Kinder genommen. Staat und Wirtschaft halten eine Fülle von frauenspezifischen Arbeitsplätzen vor, viele davon sogar ausschließlich für Frauen. Ich habe noch von keinem Mann gehört, der die Chance hatte, Sekretär zu werden oder Arzthelfer oder Bäckereiverkäufer. Die Wirtschaft, der Staat und die öffentlichen Arbeitgeber haben darüber hinaus dafür gesorgt, dass Teilzeitbeschäftigungen angeboten werden. Ich gehe aber davon aus, dass ein Großteil der Teilzeitjobs Männern bewusst oder unbewusst verwehrt würden, würden sie überhaupt in nennenswertem Ausmaß danach fragen.

Der Öffentliche Dienst ist schätzungsweise zu 65 Prozent von Frauen besetzt. So erkläre ich mir übrigens auch die Beharrungskräfte, die sich gegen eine Entbürokratisierung und Verschlankung des Staates stemmen. Die Mehrheit der Wähler sind Frauen, und so wenig politisches Wissen die meisten von ihnen haben, so sehr spüren sie aber auch, dass eine Reduzierung der Staatsquote ihren Interessen entgegenlaufen würde - zumindest ihren kurzfristigen. Frauen konnten bislang auf die Entwicklung eines tieferen politischen Verständnisses leichten Herzens verzichten, denn wenn Männer Politik machen, dann niemals gegen die Frauen. Es steckt tief in ihnen drin, den Frauen zu gefallen, es ihnen recht zu machen.

Von dem Hochhalten des Solidaritätsprinzips, das auf dem hohen Niveau unseres Sozialstaats nur noch als sentimental bezeichnet werden kann, profitieren in erster Linie wieder die Frauen. Das fängt bei der beitragsfreien Mitversicherung in der Kranken- und Pflegeversicherung an und hört bei der Auszahlung der Rente auf, von welcher der größte Teil vermutlich den Frauen zu Gute kommt. Armut sei weiblich, wird immer wieder in die Diskussion geworfen, was vielleicht vor zwei Jahrzehnten vordergründig noch gestimmt haben mag. In Wirklichkeit wäre Armut wahrscheinlich nicht weiblich sondern männlich gewesen, wenn die männlichen Widerparte zum Teil nicht bereits in den beiden Weltkriegen gefallen wären. Und wenn die Lebenserwartung von Frauen nicht um sechs bis sieben Jahre höher wäre!

Nein, Armut ist nicht ein Problem von Frauen, sondern von alten Menschen. Besser gesagt, sie war es. Denn die Renten sind nach der Einführung der dynamischen bruttolohnbezogenen Rente derart gestiegen, dass man von einer Altersarmut beim besten Willen nicht mehr sprechen kann. Im Gegenteil, "Wie die alten die Jungen ausbeuten", titelte bereits vor ein paar Jahren der Spiegel. Auf Grund der hohen Lohnnebenkosten und der immer weiter gestiegenen Staatsverschuldung ist das Problem so aktuell wie nie zuvor. Die Älteren ziehen den nachfolgenden Generationen das Geld aus der Tasche, um es zu verfrühstücken. Ein Jugendlicher hat es unlängst auf den Punkt gebracht: Ich bezahle entweder die Renten von der älteren Generation oder ihre Schulden, aber nicht beides!

Wenn eine Frau ein Kind bekommen will, kann sie das, wenn sie es abtreiben will, kann sie es ebenfalls, sogar auf Kosten der Krankenkasse. Sie muss sich nur ein paar unangenehme Fragen gefallen lassen, auf die sie nicht einmal eine Antwort geben muss. In den Händen von Frauen liegt nicht weniger als die Entscheidung über Tod oder Leben der ungeborenen Menschen. Hat ein Kind diese Hürde übersprungen, kommt es unter die Fittiche von Frauen. Frauen sind ihre ersten und wichtigsten Bezugspersonen. Auch im Kindergarten, in der Grundschule, im Gymnasium werden sie überwiegend von Frauen erzogen. Sie entscheiden, ob ein Kind die weiterführende Schule besuchen darf oder ob es sitzen bleiben muss. Da soll noch einer sagen, Frauen hätten keinen Einfluss in dieser Gesellschaft! Sie haben nicht nur Einfluss, sie haben Macht. Und für diese Macht müssen sie keine körperliche Gewalt ausüben. Es reicht die Macht der gesellschaftlichen Konventionen, die Macht der Worte, der Blicke und der traditionellen existentiellen Abhängigkeit der Menschen von weiblichen Bezugspersonen und Erzieherinnen. Die Begriffe Macht und Gewalt müssen wir streng auseinanderhalten, denn ihre Vermischung vernebelt die Sicht auf den grundlegenden Einfluss der Frau auf unsere Gesellschaft.

19.04.02
Unter dem Eindruck des indischen Films "Monsoon Wedding", den meine Frau und ich uns gestern Abend angesehen haben, ist mir klarer ins Bewusstsein gerückt, wie wir dabei sind, unsere Gesellschaft zu Grunde zu richten. Der Film zeichnet ein sehr sympathisches Bild der indischen Gegenwart, einer sogenannten patriarchalischen, von Traditionen geprägten Gesellschaft, die jedoch bereits stark von westlichen Einflüssen durchdrungen ist. Eines wurde mir deutlich: In dem Maße, in dem bei uns die alte Ordnung der bürgerlichen Familie und der christlichen Ehe untergraben wurde, in dem Maße haben unsere Frauen ihre Anmut verloren. Nicht, dass sie nicht mehr schön wären. Nein, sie sind wahrscheinlich schöner als in früheren Jahrhunderten - haben sie doch oftmals keine größere Sorge, als gut auszusehen und möglichst lange jung zu erscheinen. Mit Anmut meine ich etwas anderes: Die weibliche Selbstgewissheit, die Frauen in den traditionellen Gesellschaften Südeuropas oder eben Indiens an den Tag legen. Die Frauen in dem Film ruhen in sich selbst. Sie leben in dem Bewusstsein, eine zentrale Stellung in der Gesellschaft und vor allem in deren Herzen, der Familie einzunehmen. Die Selbstverliebtheit, die das weibliche Geschlecht häufig auszeichnet, wird bei den indischen Frauen durch ihre Zurückhaltung gemildert, welche aber nicht mit Unterwürfigkeit verwechselt werden darf.

Die Haremszene straft diejenigen Lügen, die behaupten, die Frauen hätten in den traditionellen Gesellschaften nichts zu lachen. Die Mütter, Töchter, Schwestern und Kusinen feierten den Vorabend der Hochzeit mit einer Spontaneität, der man ansah, dass sie nicht als Ventil diente, sondern Ausdruck der Freude am Leben in der Gemeinschaft war. Die Frauen sangen, klatschten und musizierten mit Ausgelassenheit und liebevoller Rücksichtnahme. Man spürte die Dankbarkeit, dass jede von ihnen ihren Platz in Familie und Gemeinschaft hat, den ihnen niemand streitig macht, auch die Männer nicht.

Bei uns jedoch diskutieren die Frauen lieber über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie statt sich des Lebens zu freuen. Ganz ausdrücklich macht sich der Staat daran, es auch Müttern von kleinen Kindern zu erleichtern, ihre Berufstätigkeit fortzusetzen. Gott sei Dank hat kürzlich wenigstens die FAZ darauf hingewiesen, dass eine massenhafte Nutzung von Kinderkrippen katastrophale Folgen haben könnte. Sie verwies darauf, dass gerade in den neuen Bundesländern, die so stolz auf ihre große Zahl von Kinderkrippen sind, die Jugendkriminalität, der politische Extremismus und Alkoholismus von Kindern und Jugendlichen am weitesten verbreitet sind.

Von Friedhelm Neidhardt habe ich gelernt, dass Kinder in den ersten zwei bis drei Jahren eine feste Bezugsperson brauchen. Wenn sie herumgereicht werden, sind sie jedes Mal wieder mit veränderten Regeln konfrontiert. Die Folge ist, dass sie die Welt als nicht lernbar, sondern eher als chaotisch empfinden und zu Apathie neigen. Wenn meine Frau und ich ein Kind bekommen, werden wir es jedenfalls nicht in eine Kinderkrippe stecken.

22.04.02
Seit einem halben Jahr habe ich mein Büro in der Technologiefabrik, und erst jetzt habe ich durch Zufall den Ehrenhof der Einsegnungshalle entdeckt. Es ist dies ein sehr ruhiger und dennoch inspirierender Ort. Ein neues Kapitel in meiner Fortsetzungsgeschichte: Die Eroberung des öffentlichen Raumes. Hier in diesen heiligen Hallen ist ein Kommen und ein Gehen, doch das Leben geht einen gemächlicheren Gang als sonst in der Stadt. Das liegt, wie ich vermute, weniger am Respekt gegenüber den Toten, als daran, dass hier naturgemäß fast nur Rentner und Rentnerinnen zugange sind - und Hausfrauen.

Der Besuch im Karlsruher Friedhof ist mir Anlass, eine kurze Bilanz zu ziehen. Was soll überhaupt der ganze Stress, warum eigentlich bin ich von einem solchen Pflichtbewusstein getrieben, es kommt doch ohnehin nicht viel dabei raus. Ich muss versuchen, es besser zu machen. Höhere Preise verlangen, damit ich für meine Arbeit überhaupt einen Lohn bekomme. Weniger arbeiten, damit Raum zum Leben übrig bleibt. Wie schnell flieht die Zeit dahin, und wenn ich nicht aufpasse, dann lebe ich nicht, dann werde ich gelebt. Ich muss diese Übermacht des Pflichtgefühls bekämpfen, wo immer es geht!

Wenn solche kleinen Spontanausflüge nicht möglich sind, ist der Mensch dann nicht arm dran? Muss man nicht nur dann und wann ein paar Schritte links oder rechts von der gewohnten Bahn unternehmen, um dem Leben neue Aspekte abgewinnen zu können? Dazu ist nichts weiter nötig als etwas Flexibilität und die Erinnerung an die Tatsache, dass für die Aufgaben, die inzwischen liegen bleiben, morgen auch noch ein Tag ist. Ich ahne mehr als ich weiß: Die fixe Idee, man müsse alles sofort erledigen, grenzt an Dummheit. Was man dadurch mehr in seinem Leben schafft, ist nicht eine der Stunden der Besinnung wert, die man durch ein solch armseliges Leben verliert. Ich will aber meine Tage im Spannungsfeld von Ruhe und Arbeit erleben, und dazu gehört auch ein guter Teil Ruhe! Und warum gönne ich die mir so selten? Früher habe ich es doch auch nicht so eng gesehen! Wie konnte ich es zulassen, dass mein Leben derart verarmt und einseitig wird? Nun ganz so schlimm ist es vielleicht auch wieder nicht. Immerhin ließ ich es schon sein Jahren morgens eher ruhig angehen. Dann aber stürzte ich mich ins Gewühl und hörte nicht mehr auf zu arbeiten, bis ich abends müde ins Bett gefallen bin. Wenn man einmal von den langen Gesprächen mit meiner Frau beim Abendessen absieht.

Hier an diesem Ort der Ruhe fällt es mir wieder ein: Ich bin es leid, nur noch der Erfüllungsgehilfe für die Leute zu sein. Schmalstieg hat jetzt seinen Webspace gekündigt. Der Aufwand, den ich damit habe, steht in keinem Verhältnis zu den paar Euro, die ich damit verdient habe. Warum mache ich das Ganze überhaupt? Meine Selbstkostenpreise haben mir doch nur eingebracht, dann ich keine Zeit mehr für mich selbst habe, geschweige denn für meine eigenen Projekte wie ka-links.de und meine geplanten Veröffentlichungen. So kann es nicht weitergehen! Bin ich zu gutmütig, zu naiv? Vielleicht habe ich nicht mehr verdient, weil ich mir es nicht nehme! Vielleicht sollte ich Schmalstieg eine saftige Rechnung für die Abwicklung der Kündigung schicken. Ja vielleicht.

Ich habe weiß Gott wichtigeres zu tun, als meinen Kunden das Leben leichter zu machen. Ich werde die Preise erhöhen, dann bin ich entweder von ihnen verschont oder die Bezahlung ist ihre Mühe wert! Schluss mit der Selbstausbeutung! Langsam dämmert es mir, dass ich mir meinen Teil am Kuchen einfach nehmen muss, sei es nun Geld in Form von guter Bezahlung, sei es freie Zeit, in der ich von knauserigen Kunden verschont werde. Das Leben ist ein Verteilungskampf und ich bin gewillt, mich diesem Kampf zu stellen. Denn auf die Dauer kann es nicht gut sein, wenn ich von den anderen Menschen kurz gehalten werde, weder für mich, noch für sie. Was haben meine Kunden davon, wenn ich demnächst Pleite bin? Die Welt wird bestimmt nicht dadurch erquickt, wenn ich mein altes Jammerlied immer wieder neu anstimme. Nein, ich fange einfach an, mir zu nehmen, was mir zusteht! Es geht auch nicht nur ums Geld, es geht um meine Existenz. Irgendwo hat auch die größte Bescheidenheit ihre Grenze. Aus meinen Fehlern werde ich entweder klug oder es ist mir nicht zu helfen!

29.04.02
Amoklauf in einem Gymnasium in Erfurt am 26. April 02 mit 17 Toten: Das Geschehene verbietet jede schnelle Schuldzuweisung. Doch diese schreckliche Bluttag ist kein Ausdruck von Machtausübung eines Mannes, sondern im Gegenteil ein sich Aufbäumen gegen die Machtlosigkeit. Wie überhaupt die Anwendung von Gewalt eher der Erweis von fehlender Macht ist, aus der heraus die Gewalt als letztes Mittel, gleichsam als Befreiungsschlag gesehen wird. Im Falle des 19-jährigen Robert Steinhäuser in Erfurt war es vermutlich ein Rachefeldzug eines gedemütigten Menschen, eben eines dressierten Mannes.

Christian Pfeiffer, der mir persönlich von der Brücke e.V. in München bekannte Niedersächsische Justiz- oder Innenminister sagte am Samstag im Deutschlandfunk sinngemäß: "Tatsache ist, dass diese Taten weltweit nur von Männern begangen werden, die sich gegen ihre Ohnmacht auflehnen und dann alles auf eine Karte setzen, um einmal im Leben berühmt zu werden, d.h. beachtet zu werden."

Die Amokläufer sind wieder eine Randgruppe, bei denen die Männer hoffnungslos in der Mehrheit sind, genau wie bei allen anderen Verbrechern, Gewalttätern, Vergewaltigern und Mördern. Frauen werden deswegen weit seltener gewalttätig, weil sie vielleicht einerseits hormonell und durch die Erziehung bedingt weniger Aggressionen haben. Andererseits ganz bestimmt auch deswegen, weil sie von der Gesellschaft weniger unter Erwartungsdruck gesetzt werden. Gemeinhin haben es Frauen gar nicht nötig, Gewalt anzuwenden, weil sie auch ohne Gewalt bekommen, was sie wollen, weil sie ohnehin einen großen, von der Gesellschaft bislang unterschätzten Einfluss haben. Mit anderen Worten, Frauen haben mehr Macht als Männer und sind deswegen auf Gewaltausübung nicht angewiesen. Männer haben nur dann Macht und Einfluss, wenn sie sich eine gewisse Position in der Gesellschaft erarbeitet haben. Bei ihnen dominiert der Statuserwerb durch Leistung und nicht wie bei den Frauen die Statuszuweisung durch Zuschreibung.

Als Folge der Vermännlichung der Frauenrolle und der Auffächerung weiblicher Verhaltensweisen von der Hausfrau und Mutter bis zur Karrierefrau wird es den Männern immer schwerer gemacht, ihre Rolle erfolgreich zu spielen. Zum Beispiel dadurch, dass sie nun vermehrt durch berufstätige Mütter Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt bekommen. Kaum einer getraut sich zu sagen, dass sich junge Mütter besser um ihre Kinder kümmern sollten, damit aus ihnen eben keine Verbrecher, Amokläufer und Mörder werden.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist: Als Konsequenz der nach wie vor tief in unserer Gesellschaft und im Gefühlsleben von Frauen und Männern verankerten Polarität der Rollen von Mann und Frau, müssen die Männer nun noch männlicher werden, um sich von den vermännlichten Frauen überhaupt noch nennenswert zu unterscheiden. Im Grunde werden sie vom weiblichen Geschlecht unter Erwartungsdruck gesetzt. Die Erwartung heißt: Cool sein, ein sportlicher Draufgänger, schnell, erfolgreich und dynamisch sein und dabei dennoch verlässlich sowie Frauen wie Kindern gegenüber einfühlsam. Jungs wie der gescheiterte Abiturient in Erfurt bekommen vermittelt, dass es entscheidend für ihre Zukunft ist, Erfolg im Beruf zu haben. Denn nur dann kann man eines Tages eine Familie ernähren und nur dann hat man Chancen in der Frauenwelt.

Denn die Tatsache, dass praktisch alle jungen Frauen beruftätig sind bedeutet noch lange nicht, dass sie auch die Ernährer ihrer zukünftigen Familien sein wollen. Nein, unbewusst suchen sie einen Mann, der noch besser verdient als sie. Viele sagen: "Ich suche einen Mann, zu dem ich aufschauen kann, der mir zumindest ebenbürtig ist. Einen der Selbstbewusstsein ausstrahlt und mir Sicherheit und Geborgenheit vermitteln kann". Es ist kein Zufall, dass alle diese guten Eigenschaften praktisch nur beruftätige Männer mit ausreichendem und regelmäßigem Einkommen haben. Denn das Geldverdienen gehört zur Rolle des Mannes wie das Benzin zum Auto. Ohne ein ausreichendes Einkommen hat ein Mann ein Problem, und das schlägt sich negativ auf sein Selbstbewusstsein und auf seinen Erfolg bei den Frauen nieder. Das Massaker von Erfurt ist für mich ein weiteres Indiz für die These, wonach Männer in unserer Gesellschaft unter Erwartungsdruck gesetzt werden. Und dieser Druck wurde in dem Maße noch verstärkt, in dem die Frauen als Folge der Frauenbewegung immer zahlreicher ins Berufsleben drängten und den Männern Konkurrenz machten.

Fatal ist diese Entwicklung auch insofern, als immer mehr Mütter ihre Kinder oft schon im frühen Alter in die Kinderkrippe und in den Ganztageskindergarten abschieben oder von einer Tagesmutter zur anderen (bzw. von einer Oma zur anderen) herumreichen. Es würde mich nicht wundern, wenn der Erfurter Ninja-Kämpfer als Kind ebenfalls seine frühen Jahre in einer Kinderkrippe zugebracht hätte.

02.05.02
Heute lege ich eine erstaunliche Ruhe an den Tag. Wenn es so weitergeht, dann schaffe ich es doch noch in absehbarer Zeit, ein Lebenskünstler zu sein. Es wäre wunderbar, wenn mir Gott schenken würde, inneren Frieden zu finden, auch ohne beruflichen Erfolg. Wie gerne wäre ich jemand, der vor Selbstbewusstsein geradezu strotzt, obwohl er finanziell nicht auf Rosen gebettet ist. Würde sich dann auch der Erfolg einstellen?

Jemand, der sein Ziel immer fest vor Augen hat, möchte ich sein: ewige Gemeinschaft mit Christus, meinem Herrn. Und ich will alles aussondern, was mich von diesem Ziel abbringt und obendrein nur Unordnung und Chaos in mein Lebenshaus bringt. An oberster Stelle der zu entrümpelden Dinge steht die Menschenfurcht und meine schier nicht auszurottende Geltungssucht. Dann kommen der krankhafte Ehrgeiz und der falsche Stolz, alles das gehört auf die Straße zum Sperrmüll, Ballast, den ich mit mir rumschleife, und der mich nur abbringt vom eigentlichen Ziel.

Nachdem ich gestern das erste Kapitel der neuen Ausgabe von Wolfgang Bergers Business Reframing gelesen habe, ist mir eine neue Formulierung meines Anliegens eingefallen: Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Unser Paradigma, unsere nicht mehr hinterfragte Grundannahme, soll nicht mehr die Selbstverwirklichung durch Beruf und Leistung sein, sondern die Integrität, das nachhaltige Wohl der ganzen Menschheit. Irgendwie scheint das Leistungsprinzip so tief in uns verankert zu sein, dass es trotz allergrößter Verwerfungen, die es produziert, nicht mehr in Frage gestellt wird. Ich selbst, der ich mir immer einbildete, weise zu sein, war nahe dran, an meiner Erfolglosigkeit als Unternehmer zu verzweifeln. Was früher für mich selbstverständlich war, dass es Wichtigeres als Arbeit, Leistung und Erfolg im Leben gibt, habe ich der protestantischen Berufsethik geopfert. Und das ausgerechnet (aber nicht unbedingt zufällig) ab dem Zeitpunkt, als ich Christ geworden war. Jetzt aber will ich mich endgültig von dem calvinistischen Verständnis des Christseins verabschieden. Dass ich im Beruf bisher keinen Erfolg hatte, ändert nichts daran dass mein Platz im Himmel gesichert ist, denn Jesus liebt mich trotzdem!

Das neue Paradigma heißt Selbstverwirklichung durch Integrität. Integrität in dem Sinne, sich so zu verhalten und so zu handeln, dass es der Entwicklung der ganzen Gesellschaft langfristig nützt und nicht nur meinem kurzfristigen Partikularinteresse dient. Für Eltern heißt das, sich um ihre Kinder zu kümmern, ihnen so viel Zeit wie möglich zu schenken und dementsprechend das berufliche Engagement oder andere Dinge hintenan zu stellen. Für mich bedeutet es, den Schwerpunkt nicht mehr so stark auf meine Firma zu legen, sondern meinen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs zu leisten. Wolfgang Berger hat mich in seinem Buch dazu ermahnt. Dieser Diskurs ist überlebensnotwendig für unsere Gesellschaft. Vielleicht habe ich einen entscheidenden Beitrag zu leisten, weil nur wenige Menschen sich in ähnlicher Lage befinden und gleichzeitig die Gabe des Schreibens und Querdenkens besitzen. Wenn ich diesen Beitrag nicht leiste, so Berger, bin ich ein Schmarotzer.

Als Jugendlicher habe ich es nach der Lektüre eines Buches, dessen Titel ich vergessen habe, so ausgedrückt: Ich will mich entwicklungsrichtig verhalten. Ich will einen Beitrag zum Gelingen des Ganzen und zum Wohl unserer Gesellschaft leisten. Handeln im Bewusstsein der Integrität kann einem Menschen größere Befriedigung geben als ein gut bezahlter Job das jemals vermag. Insofern kann ich jungen Frauen nur raten, auf das aktuelle Geschwätz von der Vereinbarung von Karriere und Kindern nicht zu hören. Denn die Aufgabe, Kinder zu stabilen Persönlichkeiten zu erziehen, ist ungleich wertvoller und wichtiger, als jeder Managerposten.

Mein ehemaliger Soziologieprofessor Horst Jürgen Helle drückt es sinngemäß so aus: Die Produktion von Gütern und Dienstleistungen ist für uns längst nicht mehr das Problem, und somit keine Herausforderung. Das größte Defizit unserer Gesellschaft ist der Mangel an Menschen mit einer stabilen und demokratiefähigen Persönlichkeit. Zu einem selbstbewussten und leistungsbereiten Bürger kann ein Kind aber nur dann reifen, wenn es in den geschützten Raum einer intakten Ehe geboren wird und eben nicht in eine Patchworkfamilie oder als Anhängsel einer Alleinerziehenden.

Kinder brauchen die Aufmerksamkeit und die Fürsorge ihrer Eltern, auch wenn sie bereits in den Kindergarten, in die Schule oder in die Lehre gehen. Jede Stunde, die eine Mutter oder ein Vater dem eigenen Kind widmet ist besser investiert als für die produktivste Besprechung in der Firma. Hausfrauen und Müttern müssen wir die Größe ihrer Aufgabe wieder neu bewusst machen. Zu viele Mütter, die zu Hause bleiben, haben sich unnötig von der Hektik unserer Zeit anstecken lassen, und fangen ebenfalls schon an, über die Arbeitsbelastung und angeblichen Leistungsdruck zu klagen. Wie Recht hat doch Helle, wenn er feststellt, dass die Übernahme der männlichen Verhaltensweisen durch die Frauen zu unerträglicher Einseitigkeit führt. Das männliche Prinzip Leistung braucht im weiblichen Prinzip Zuschreibung sein Gegengewicht, sonst gleitet es ins Absurde ab.

07.05.02
Heute habe ich in der "Welt" gelesen, dass Deutschland acht Prozent seines Bruttoinlandsproduktes für Subventionen ausgibt oder 35 Prozent des Steueraufkommens. Mit den Geldern sorgt der Staat unter anderen dafür, dass bei uns noch bis zum Jahr 2010 Kohle gefördert wird, obwohl unsere Steinkohle zu kostspielig ist und mit der ausländischen Konkurrenz längst nicht mehr mithalten kann. So entstanden die teuersten Arbeitsplätze in Deutschland. Ähnlich sieht es mit den Subventionen für die Landwirtschaft aus, ebenfalls ein sterbender Zweig der Wirtschaft, der keine Zukunft bieten kann und nur noch wenige Prozent des Sozialproduktes erwirtschaftet.

Diese Alimentierung der Bergarbeitermilieus und den landwirtschaftlichen Betriebe ist nichts weiter als eine unsägliche Ungleichbehandlung. Denn das Geld, das den Kumpels und den Landwirten zugesteckt wird, muss anderen ja genommen werden. Unsere gesamte Wirtschaft blutet dafür, dass auch weiterhin Bergleute ausgebildet werden. Oder dass auch in Zukunft der Sohn eines Bauern wieder Bauer werden kann. Die Zeche zahlen zum Beispiel meine potentiellen Kunden und indirekt damit ich. Mittlerweile halte ich es nicht mehr für übertrieben, mich als Opfer dieser Umverteilungspolitik zu bezeichnen. Obwohl es sich beim Internet um eine Zukunftstechnologie handelt, obwohl weit mehr Sinn macht, Webseiten zu erstellen und zu aktualisieren als tief unten in der deutschen Scholle nach Kohleflözen zu suchen, die Kumpels können sich Hauser bauen und ich besitze noch nicht einmal ein Auto. Ab jetzt möchte ich diese Ungerechtigkeit nicht mehr einfach achselzuckend zur Kenntnis nehmen. Ich schreibe meine Gedanken auf, das ist der erste Schritt zu Veränderung.

Es geht nicht nur um mich. Es geht darum, dass wir mit einer solchermaßen übertriebenen Sozialpolitik die Zukunft der jungen Generation in Deutschland, ja in ganz Europa verbauen. Wer will sich denn noch selbständig machen, wenn er sich ausrechnen kann, dass die potentiellen Kunden an allen Ecken und Enden sparen müssen, weil die Lohnkosten, die Steuern und die Sozialabgaben jeglichen Investitionsspielraum zunichte machen. Und wer, frage ich, wer soll neue Arbeitsplätze schaffen, wenn nicht die Selbständigen und die Unternehmer? Wie hieß es in der FAZ: Der Sozialstaat ist das Leichentuch unserer Gesellschaft.

Den Profit haben nur die Schnarchsäcke. Diejenigen mit der effektivsten Lobby, die am lautesten jammern und die Hand aufhalten. Schande über eine Gesellschaft, die mit Solidarität nur die Wahrung sozialer Besitzstände meint. Ein Volk in Agonie, um mit Konstantin Wecker zu sprechen, eine Gesellschaft im Niedergang, welche die Eigenverantwortung bestraft und diejenigen ermutigt, die in den Wechselfällen des Lebens sofort nach dem Staat rufen.

Es wird mir ganz anders, wenn ich daran denke, dass nicht wenige angebliche Profiteure dieses Systems an dem süßen Gift der sozialstaatlichen Überversorgung langsam zu Grunde gehen. Ganze Generationen sind von Arbeitslosigkeit bedroht, finden keinen passenden Beruf und haben auch als Selbständige nur eingeschränkte Möglichkeiten, nur weil wir einer Minderheit den vorgezogenen Ruhestand, die hohen Renten und Pensionen, die Langzeitarbeitslosigkeit, die Sozialhilfe und das Auskommen als alleinerziehende Mutter finanzieren. Das Schlimmste ist, dass die so mit warmem Regen bedachten sich nicht einmal der Tatsache bewusst sind, dass sie Nutznießer der übersozialen und ungerechten Umverteilungspolitik sind. Menschen, die früher arbeitswillig waren, machen es sich in der sozialen Hängematte gemütlich, sitzen nur noch vor dem Fernseher und verfallen zusehends in Depression.

So ist dieses angeblich soziale System nicht nur eine Zumutung für die Leistungsträger, die zur Kasse gebeten werden, es ist auch ein versteckter Angriff auf die Würde der vielen ungerechtfertigt mit Staatsknete bedachten Menschen. Sie werden des Gefühles der Befriedigung beraubt, das sich einstellt, wenn man für sich selbst sorgt und die Verantwortung für sein Dasein in die eigene Hände nimmt. "Als ich dem Schwachen half verletzte ich ihn tief in seinem Stolz", sagt Nietzsches Zarathustra. Wenn wir so weitermachen werden wir uns des Sozialstaates irgendwann auf einen Schlag entledigen weil es auch finanziell gar nicht anders geht. Dann werden wir vermutlich das Kind mit dem Bade ausschütten, sprich sinnvolle und gerechtfertigte Sozialtransfers ebenfalls über Bord werfen, weil wir Deutschen anscheinend nur von einem Extrem zum anderen pendeln können.

Ein Treppenwitz der Sozialgeschichte ist der Umstand, dass der Sozialstaat gerade das hervorruft, was er angeblich bekämpft: die Leistungsgesellschaft. Die durch Steuern, hohe Löhne und hohe Lohnzusatzkosten geschröpften Unternehmen müssen Personal abbauen, um Kosten zu sparen, damit sie überleben können. Das verstärkt die Arbeitslosigkeit und mindert die Berufschancen der Menschen, die sich in der Folge immer mehr reinstressen müssen, um überhaupt eine Arbeitsstelle zu finden und den gestiegenen Erwartungen gerecht zu werden. Die tariflich vorgeschriebenen Mindestlöhne tun ein Übriges. Ein Angestellter hat nur die Wahl zwischen einem durchschnittlichen Gehalt, mit dem man ein Haus bauen kann, oder dem Arbeitslosengeld. Entscheidet er sich für das erstere, ist er dazu verdammt, auch eine entsprechende Leistung zu erbringen. Kann er dies nicht, muss er gehen. Die Gewerkschaften haben uns perfekte Bedingungen für Arbeitsplatzbesitzer erkämpft, jedoch diejenigen außer Acht gelassen, die von Arbeitslosigkeit bedroht oder betroffen sind. Es handelt sich um eine Politik des Alles oder Nichts.

Wenn es nach mir ginge, würde der Flächentarifvertrag abgeschafft. Warum kann nicht jeder selbst mit seinem Chef aushandeln, wie viel er verdient? In den oberen Etagen und bei den Hochqualifizierten ist das ohnehin schon gang und gäbe. Die Abschaffung der Flächentarifverträge würde der Leistungsgesellschaft die Spitze nehmen. Die Menschen hätten wieder die Möglichkeit, eine niedrigere Gangart einzulegen und ein dementsprechend niedrigeres Gehalt in Kauf zu nehmen.

Das Leistungsdenken hat derart um sich gegriffen, dass sogar Hausfrauen davon angesteckt werden, obwohl sie dem Leistungsprinzip eigentlich gar nicht unterliegen. Kann man denn Kinder nach Effizienzkriterien zu gesunden und stabilen Persönlichkeiten heranziehen? Heutzutage werden selbst Frauen, die Ihre Beruftätigkeit zu Gunsten der Kinder aufgegeben haben, von Stress geplagt. Und das nicht, weil sie objektiv dem Leistungsdruck unterliegen. Von ihnen wird zwar Arbeit erwartet, aber nicht Leistung im Sinne von Arbeit pro Zeiteinheit, im Sinne von Effizienz, in Sinne von Rationalisierung und Automatisierung.

Nein, die frisch gebackenen Hausfrauen übertragen das Arbeitstempo und die Effizienzkriterien, die sie im Beruf gelernt haben, auf ihre Aufgabe als Mutter. Das ist deswegen fatal, weil eine Mutter gerade nicht Teil der Leitungsgesellschaft sein sollte. Sie soll den Kindern ja einen geschützten Raum schaffen, in dem diese in die Leistungsgesellschaft hineinwachsen können! Und das können sie nicht, wenn sie einer gestressten Mutter ausgesetzt sind, die vor lauter Erziehungsratschlägen, Gesundheits- und Ernährungstipps nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht. Wichtig ist nur, dass sich Mütter von dem Getöse nicht allzu sehr beeinflussen lassen, dass sie Ruhe bewahren und viel Zeit für die Kinder aufbringen. Das gilt im Übrigen auch für die Väter. Wir brauchen wieder mehr Gelassenheit und sollten uns von der Gesellschaft nicht zu sehr ins Boxhorn jagen lassen. Sie ist ein aufgeschreckter Hühnerhaufen mit ein paar aufgeblasenen Gockeln.

 

08.05.02
Aus der Tatsache, dass Frauen meist weniger in der Lohntüte haben als Männer, lässt sich nicht schließen, sie hätten weniger Macht und Einfluss. Schließlich bekommen sie in der Regel das Geld, das sie brauchen, von ihren Männern. Diese haben oft gar nicht die Zeit, Geld auszugeben, und so überlassen sie ihren Frauen diesen Job. Ich möchte nicht wissen, wie viel Zeit und Geld eine durchschnittliche Frau für Dinge wie Kleidung, Schuhe, Accessoires und Kosmetik ausgibt. Dagegen braucht sich der Mann vergleichsweise wenig Zeit für die Einkleidung zu nehmen, denn er findet ohnehin nur eine eingeschränkte Auswahl vor - zumindest bei der Ausstaffierung für das Geschäftsleben. Esther Vilar hat nicht Unrecht, wenn sie die typische Männerkleidung als Uniform bezeichnet, es passt zu der einseitigen Berufsorientierung des Mannes. Wenn Männer Geld ausgeben, dann überwiegend für technische Dinge, die einen konkreten Nutzen haben, von dem übrigens auch die Frauen profitieren. Oder für ihre Hobbys, sofern sie heutzutage dazu überhaupt noch Zeit finden.

Ist es nicht so: Wer wirklich einflussreich ist, der braucht eigentlich überhaupt kein Geld. Die wahrhaft Mächtigen bekommen auch ohne Geld das, was sie wollen. Wenn ein Reicher für die Durchsetzung seines Willens Geld hergeben muss, dokumentiert er damit, dass er eben nicht die absolute Macht hat. Hätte er sie, dann würde er seine Wünsche auch ohne einen finanziellen Ausgleich erfüllt bekommen. Vor allem junge gut aussehende Frauen gehören eher zu der Kategorie von Menschen, die nicht essentiell auf Geld angewiesen sind, jedenfalls nicht auf selbst verdientes Geld. Denn die ganze Gesellschaft ist geflissentlich bemüht, es ihnen angenehm zu machen, allen voran die Männer. Frauen möchten zum Beispiel die Freiheit haben, ihre Berufstätigkeit aufzugeben, um Kinder zu erziehen und Hausfrau zu werden. Dazu suchen sie sich einen Mann, der ihnen diesen Lebensstil ermöglicht und finanziert, was ich völlig in Ordnung finde. Ich kritisiere das nicht, ich bin selbst ein Verfechter der Bürgerlichen Familie, die als Lebensform nicht zuletzt für die Frau enorme Vorteile mit sich bringt.

Frauen wollen selbst entscheiden, ob sie schwanger werden oder nicht, wofür Männer unter anderem die Antibabypille entwickelt haben. Selbst wenn sie sich zunächst für eine Schwangerschaft entschieden haben, können sie diese Entscheidung nachträglich wieder rückgängig machen, ohne dafür belangt zu werden. Sie entscheiden, ob der Mensch in ihrem Bauch weiterleben darf oder nicht. Wenn sie sich gegen das Kind entscheiden, dann sind es meist auch wieder Männer, welche die Abtreibung vornehmen, weil sich wohl kaum eine Gynäkologin dafür hergeben würde. Ja und die Versichertengemeinschaft, die (unter anderem auf Grund der beitragsfreien Mitversicherung von Hausfrauen) zur Mehrheit aus Männern besteht, muss den Schwangerschaftsabbruch mitfinanzieren, ob sie will oder nicht.

Auch eine Benachteiligung von Frauen bei der Rente kann ich beim besten Willen nicht sehen. Zwar ist auf der einen Seite die durch eigene Berufstätigkeit erworbene Rentenanwartschaft bei Frauen oft sehr niedrig. Auf der anderen Seite leben sie im Alter ja auch von der Rente ihres Mannes. Und selbst dann, wenn dieser gestorben ist, bekommen sie noch 60 Prozent seiner Rente, was die Frauenbewegung als ausgemachte Ungerechtigkeit ansieht - natürlich. Aber immerhin gibt es nun ja ein Maul weniger zu stopfen! Oder sollte man Rentnern, die nie eine Frau hatten, ebenfalls nur 60 Prozent ihrer Rente ausbezahlen? Tatsache ist, dass Frauen bekanntlich im Durchschnitt sechs bis sieben Jahre länger leben als Männer und schon aus diesem Grund weit mehr Rentengelder ausbezahlt bekommen als Männer. Bislang war es sogar so, dass Frauen unter bestimmten Bedingungen mit 60 Jahren in Rente gehen konnten, Männer offiziell hingegen erst mit 65. Erst im Jahr 2000 wurde begonnen, diese Ungleichbehandlung schrittweise aufzuheben.

Kein Politiker kann ungestraft Maßnahmen einführen, die den Interessen der Frauen entgegenlaufen. So brauchen sich die Frauenverbände erst gar nicht gegen eine Dienstpflicht oder ein Soziales Pflichtjahr für Frauen zu wehren. So etwas ist in der männlich dominierten Politik bisher kaum ernsthaft erwogen worden. Und warum nicht? Aus Angst vor den Frauen, denn sie stellen auf Grund der höheren Sterblichkeit von Männern die Mehrheit der Wählerschaft. Und weibliche Wähler sind noch nie zimperlich gewesen, wenn es um die Verteidigung ihrer materiellen bzw. sozialen Besitzstände geht. Leider fehlt ihnen meist der Blick für das Ganze, was nicht weiter verwunderlich ist, da sie sich selten für Politik wirklich interessieren. Wie gesagt: Sie spüren, dass ohnehin keine Entscheidungen gegen ihre Interessen gefällt würden.

Im Gegenteil. Aktuell ist wieder ein sogenanntes Gleichstellungsgesetz in der Diskussion, wonach zum Beispiel in der Öffentlichen Verwaltung eine Quotenregelung eingeführt werden soll. Dass Frauenquoten das Demokratieprinzip außer Kraft setzen und zu großen Ungerechtigkeiten engagierten Männern gegenüber führen, wird dabei geflissentlich übersehen. Wenn es so weitergeht, dann schreckt der von Männern dominierte Bundestag noch nicht einmal vor der Missachtung von Grundrechten wie der freien Berufswahl und der Chancengleichheit zurück, um es den Frauen recht zu machen.

 

1. Juni 2010
Leserbrief zum Artikel von Antje Hildebrandt vom 24. Mai 2010 in Welt-Online:
Eva Herman, ein Running Gag der Emanzipation

Sehr geehrte Frau Hildebrandt,

Ihre Besprechung von Eva Hermans neuem Buch "Die Wahrheit und ihr Preis: Meinung, Macht und Medien" ist ein Tiefpunkt des deutschen Journalismus, genau wie die Talkshow von Johannes B. Kerner am 9. Oktober 2007. Eva Herman wurde an diesem Abend medial hingerichtet, wie sie selbst in Ihrem Beitrag ("Ein Running Gag der Emanzipation") zugeben. Das Vergehen der Autorin war, dass sie ihre Popularität und Medienpräsenz nutzte, um ihr damals erschienenes Buch "Das Prinzip Arche Noah" bekannt zu machen, worin sie aus Sorge für die Zukunft Europas eine Rückbesinnung auf die bürgerliche Familie fordert. Zweieinhalb Jahre später sind Sie sich nicht zu schade, einmal mehr nachzutreten. Sie tun dies zum Beispiel, indem Sie sich über die Naivität und die "Chuzpe" mokieren, mit der sich Frau Herman "nachträglich zur tragischen Heldin" stilisiere. In der schönen neuen Welt ist es also nicht nur voll in Ordnung, wenn Andersdenkende medial hingerichtet werden, nein sie dürfen sich danach nicht einmal als Opfer bezeichnen!

Als größte Schwachstelle in Eva Hermans neuem Buch über Macht und Medien bezeichnen Sie den Versuch "Ihren Fall zum Lehrstück über die Mediengesellschaft umzumünzen". Doch solche Artikel wie der Ihre machen Eva Hermans These noch plausibler. Als Beleg dafür, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei, lassen Sie zum Beispiel den leitenden politischen Redakteur der Süddeutschen Zeitung sagen, Eva Herman müsse vor sich selbst in Schutz genommen werden, weil sie "beim Denken leicht oszilliert". Welchen Erkenntnisgewinn soll der Leser eigentlich daraus gewinnen, dass diejenigen Personen, die Frau Herman der journalistischen Hetze beschuldigt, die Schuld von sich weisen?

Es ist also angeblich nichts dran an Eva Hermans Medienschelte, es sei eine "paranoide Sicht, die sich da offenbart", schreiben Sie. Nein es kann und darf nur so sein, dass irgendetwas mit Eva Herman nicht in Ordnung ist. Inhaltlich haben Sie sich an keiner Stelle mit ihren Thesen auseinandergesetzt. Gegen den Vorwurf, ein verkappter Nazi zu sein, hat sie sich mit Händen und Füßen gewehrt. Dann, so steht es auch bei in Ihrer Rezension zwischen den Zeilen, ist sich Frau Herman wahrscheinlich dessen nicht bewusst, dass sie eine Nationalsozialistin ist. Und schon haben die Gutmenschen sie wieder am Schlafittchen! So einfach geht das in unseren öffentlichen Diskursen, in denen sich fast alle an die herrschenden Denkverbote halten und vor allem Politikerinnen in ihrem Überschwang der Gefühle versuchen, die paar versprengten "Erzkonservativen" oder "Marktradikalen" in Grund und Boden zu reden.

Gab es also gar keine mediale Hinrichtung? Doch die gab es, aber eine politisch korrekte! Wenn Kerner und seine Kumpanen einen Moslem oder einen Vertreter einer anderen Minderheit in gleicher Weise angegangen wären, wäre ein politisches Erdbeben die Folge gewesen. Bei Eva Herman war das aber okay, sagen Sie, weil sie bereits seit zwanzig Jahren als Nachrichtensprecherin und als Moderatorin im Geschäft gewesen ist: "Sie weiß, nach welchen Mechanismen die Medien funktionieren". In Ihrem Artikel suggerieren Sie also, Eva Herman habe Ihre mediale Hinrichtung sowie die Entlassung als Moderatorin beim NDR selbst zu verantworten. Sie hätte auf die Warnungen achten sollen und die Einladung zur Kerner-Show nicht annehmen sollen, denn als Medienfrau hätte sie wissen müssen, dass man sie auf Grund ihres "vorsintflutlichen Mutterbildes" fertig machen würde. Der andersdenkende Medienprofi zeichnet sich also in dadurch aus, dass er schweigt, lieber kein Buch schreibt und lieber nicht hingeht. Sie raten Eva Herman also dazu, sich anzupassen, Selbstzensur zu üben. Damit lassen Sie einmal mehr Sympathie für stalinistische Medienkontrolle und Propaganda durchblicken!

Einerseits unterstellen Sie Eva Herman Verfolgungswahn, andererseits bezeichnen Sie sie als naiv, dass sie sich überhaupt in die Höhle des Löwen begeben hat. Das nenne ich einen handfesten Widerspruch, mit dem Sie Ihre Leser für dumm verkaufen. Gleichzeitig werfen Sie der Autorin Widersprüche vor, wo keine sind: "Eine Karrierefrau, die nicht müde wird, das Loblied auf die Vollzeitmutter und bekennende Nur-Hausfrau zu singen". Darf man seine Meinung also nicht ändern? Muss man einmal begonnene Lebensentwürfe durchziehen, um sich nicht in Widersprüche zu verwickeln? Ein absurdes Argument, das in einer offenen Gesellschaft nichts zu suchen hat! Zu Ende gedacht müssten Sie Hausfrauen und Müttern, die später ins Berufsleben wechseln wollen, ebenfalls Inkonsequenz in der Lebensplanung vorhalten.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Rettig

 

23.09.2011
In diesen Tagen bin ich einigermaßen frustriert, denn am Montag hat mich ein Bekannter regelrecht angepinkelt. Ich hatte ihn auf dem Bürgersteig entdeckt und bin extra ein paar Meter zurückgefahren. Durchs Fenster bestätigte ich ihm, dass ich in China war. Schließlich stieg ich aus, um ihm zu sagen, dass es bombastisch war. Dann aber fragte er mich, wie ich mir das leisten könne. Ich antwortete, dass ich das Geld von meinem Erbe genommen habe, und dass ich die Reise als Investition sehe: "Reisen bildet", sagte ich und fügte hinzu, dass mir die Rundreise viel gebracht hat. Zumal ich im Zusammenhang mit dem Trip erneut ein Hörbuch über China hörte, diesmal nicht über die Wirtschaftsentwicklung sondern über die philosophischen und religiösen Grundlagen der chinesischen Kultur.

Irgendwie kamen wir dann im Vergleich zum Land der Mitte wieder auf Deutschland zu sprechen. Ich sagte, die größten Ausbeuter seien nicht die Reichen, sondern die Rentner und vor allem die Pensionäre. Wir waren uns einig, dass es den Rentnern noch nie so gut ging wie heute. Dann erwähnte ich die Sozialhilfeempfänger und kam schließlich zu den Frauen und zu meiner Einschätzung, dass sich viele von ihnen von den Männern durchfüttern lassen. Wenn eine Frau Kinder hat, dann ist das okay, sagte ich, doch nicht wenige lassen sich von ihrem Freund oder Ehemann aushalten, obwohl sie gar keine Kinder haben möchten. Diese Frauen, sagte ich weiter, sind meist höchstens halbtags berufstätig. Im Übrigen stellen sich viele sogar besser, wenn sie sich von ihrem Partner trennen. Dann lassen sie sich vom Staat und von ihrem Ex-Partner versorgen und kriegen womöglich eine Sozialwohnung, Hartz-IV, Alimente für die Kinder und Unterhaltszahlung für sich selbst (Betreuungsunterhalt). "Zahlst Du denn Unterhalt?", fragte er mich. Ich verneinte und wollte zwei Dinge dazu sagen: Dass ich Geringverdiener bin und ... weiter kam ich nicht.

Mein Diskussionspartner war offensichtlich gestresst, denn jetzt war es ihm zu viel und er griff mich an. Es sei ein Unding, dass ich die die Schwächsten der Gesellschaft kritisiere und gleichzeitig meiner Pflicht nicht nachkomme, nämlich Unterhalt für die Kinder zu zahlen. "Meine Frau hat als Hauptverdienerin die ganze Zeit die Kinder finanziert, dann kann sie es ja wohl weiterhin tun", entgegnete ich. Er sagte, anstatt die Frauen schlecht zu machen solle ich froh sein, dass meine Frau die Kinder versorgt. Auf meinen Hinweis, dass ich für die beiden immer da bin, wenn sie zur Arbeit geht, reagierte er mit einer abfälligen Bemerkung. Ich forderte ihn auf, in einem Gedankenexperiment durchzuspielen, was wäre, wenn ich die Mutter wäre. "Dann hätte umgekehrt ich einen Anspruch auf Unterhaltsgeld", sagte ich.

Jetzt erst komme ich dazu, den Gedanken zu Ende zu entwickeln, denn mein Bekannter wollte weiter, er war in Zeitdruck. Wenn ich die Mutter wäre, dann wären die Kinder fast wie selbstverständlich bei mir und ich hätte Anspruch auf Kindesunterhalt. Ich bekäme vielleicht sogar Betreuungsunterhalt, zumindest wenn ich dorthin ziehen würde, wo es keinen Kindergarten und keinen Hort gibt. Wenn ich die Frau wäre, würde es so gut wie jeder als Skandal empfinden, würde ich die Kinder nicht zugesprochen bekommen. Aus der Familie ausgeschlossen und noch nicht einmal Anspruch auf Unterhaltsgeld? Für eine Mutter undenkbar. Als Frau würde mich niemand kritisieren, dass ich nicht sofort meine Selbstständigkeit und mein Buchprojekt aufgebe, um mir eine Arbeit zu suchen, der mich in die Lage versetzt, Unterhaltsgeld an meinen Mann und die Kinder zu bezahlen. Man sieht: Hier wird mit zweierlei Maß gemessen.

Das sagte ich meinem Gesprächspartner, doch ich bezweifle, dass er die gedankliche Unabhängigkeit aufbringt, darüber vorurteilsfrei nachzudenken. Er ist gefangen im Mythos von der Unterdrückung der Frau und ist daher blind für die Ausbeutung des Mannes. Wieder wird deutlich, dass der Mann auf das Geldverdienen festgenagelt wird. Aus dem bürgerlichen Ideal, der Mann solle im Normalfall die Familie ernähren, wurde der Imperativ, der Mann müsse dies in jedem Falle tun: Auf Teufel komm raus. Eigene Vorstellungen, wie ein politisches Engagement, das Verfassen eines Buchs, die Verfolgung einer langfristig angelegten Strategie als Unternehmer oder Ähnliches, müssen diesem Ziel untergeordnet oder ganz verworfen werden.

Dies gilt meist auch dann, wenn die Frau berufstätig ist und ausreichend Geld verdient, um die Familie zu ernähren! Wenn die Mutter den Wunsch äußert, nicht der Hauptverdiener zu sein, dann gibt ihr fast jeder Recht und appelliert an den Mann, sein eigenes Ding zu opfern um schnell Geld zu verdienen. Im Fall einer Trennung oder Scheidung haben vor allem die Hausmänner unter den Familienvätern die Arschkarte gezogen. Sie werden aus der Familie entlassen und müssen sich nicht nur eine neue Wohnung, sondern auch einen neuen Job suchen. Egal ob sie nun zur Trennung viel oder wenig beigetragen haben, ab jetzt müssen sie einen großen Teil ihres Einkommens in Form von Unterhaltsleistungen an die Kinder zahlen, für die sie aber nur noch jedes zweite Wochenende da sein dürfen.

Ich bin ebenfalls der Meinung, dass Vaterschaft auch Pflichten mit sich bringt. Die Verantwortung des Vaters muss sich jedoch nicht unbedingt finanziell ausdrücken, schließlich hat er ja auch nach der Trennung meist nach wie vor das Sorgerecht. Unterhaltszahlungen sollten nicht vom Staat vorgeschrieben werden, schon gar nicht in einer bestimmten Höhe. Vielmehr sollten die geschiedenen Eheleute untereinander, gemeinsam mit ihrer Verwandtschaft, eine Regelung finden, die dem Einzelfall gerecht wird - so wie es früher war. Damit würde die Familie gestärkt und nicht weiter destabilisiert. Die hohen Unterhaltszahlungen lassen immer mehr Männer davor zurückschrecken, Kinder in die Welt zu setzen. Daran kann keiner Interesse haben, auch die Frauen nicht! Anstatt sich über Leute, die gegen die zunehmende Versklavung der Väter aufbegehren, lustig zu machen oder sie moralisch unter Druck zu setzen, sollte man eines zur Kenntnis nehmen: Es gibt immer weniger zahlungskräftige Männer, und dieser Trend wird in der sich abzeichnenden Weltwirtschaftskrise noch stärker werden!

Der Mann ist der Zahlaugust der westlichen Wohlstandsländer, so wie Deutschland der Zahlaugust der europäischen Schuldenstaaten ist. Was ist das anderes als eine subtile Form von Sklaverei? Die Frauen und ihre sehr überschaubar gewordene Anzahl an Kindern benutzen die Gutwilligkeit und die Arbeitskraft der Männer, um sich zu bereichern. Die feministische Gehirnwäsche hat ganze Arbeit geleistet, denn keiner findet etwas dabei. Im Gegenteil, ständig wird auf dem Punkt herumgeritten, dass die Frauen am Arbeitsmarkt geringfügig weniger verdienen. Dass die Frauenbewegung bei dieser Sichtweise die männliche Brille auf der Nase hat, fällt zu gut wie niemand auf. Es ist gespenstisch, wie wir für dumm verkauft werden! Zumal der Gehaltsunterschied nicht 23 Prozent beträgt, wie oft behauptet, sondern zur zwei Prozent, wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) errechnete (Pressemeldung vom 14. Januar 2013).

Wenn ein Familienvater seine Frau freihält, weil sie sich um Kinder und Haushalt kümmert, ist das voll in Ordnung, denn es handelt sich hierbei um die Geschäftsgrundlage der traditionellen Familie. Immer mehr Frauen wollen jedoch keinen Nachwuchs, einen Ernährer suchen und finden sie trotzdem. Diese immer zahlreicher werdenden Vertreterinnen ihres Geschlechts gehen zu einem großen und zunehmenden Teil nur einer Halbtagsarbeit nach, wenn überhaupt. In der öffentlichen Meinung gelten sie als fortschrittlich und emanzipiert, ich dagegen würde sie als Edelprosituierte bezeichnen. Und die entsprechenden Männer als bessere Freier.

Männer, die ihrer Rolle als Geldmaschine nicht gerecht werden, haben einen schlechten Stand in der Gesellschaft. Es wundert mich immer weniger, warum ich von fast allen meinen Bekannten links (oder rechts?) liegen gelassen werde. Dass ich ein Buch schreibe, dass ich mich über die politische Entwicklung informiere, stapelweise Hörbücher über Philosophie, Wirtschaft, Politik und Marketing höre, in Facebook aktiv bin und mir Gedanken über die Zukunft Europas mache, das zählt alles nicht. Allzu oft werde ich nicht ernst genommen, wie eine heiße Kartoffel fallengelassen, beschimpft und in irgendeine Schublade gesteckt. Da hilft es mir nicht, dass ich mich um meine Kinder kümmere, dass ich im Gegensatz zu vielen Müttern, kaum Probleme mit der Erziehung habe. Allzu viele meinen Veranlassung zu haben, auf mir herum zu trampeln. Nicht etwa, weil ich nicht arbeite. Ich arbeite viel, schließlich habe ich nach wie vor meine Firma am Laufen. Nein, weil ich bislang keinen Erfolg habe, weil zu wenig dabei rumkommt, weil ich nicht produktiv bin, wie es jener Bekannte ausdrückte.

Gestern bei Maybrit Illner hatte sich Heiner Geisler wieder eine neue Formulierung überlegt: Der Mensch sei zum Kostenfaktor degradiert worden, und meinte damit natürlich die Rentner, Pensionäre und Sozialhilfeempfänger. Dazu kann ich nur sagen: Ursache dafür ist der Wohlfahrtsstaat, der in der Tat immer mehr wohlstandsproduzierende Arbeiter, Angestellte und Unternehmer in Kostenfaktoren verwandelt. Eine inflatorische Sozialpolitik, die uns jetzt in Form der Schuldenkrise um die Ohren zu fliegen droht!

Ich aber arbeite, zwar noch nicht sehr produktiv, doch ich arbeite. Niemanden liege ich auf der Tasche, denn ich bin auch kein Hartz-IV-Aufstocker. Und dennoch hat mich der Bekannte als Schmarotzer hingestellt. Als jemand, der von seinem Erbe lebt, könne er mir keine Achtung entgegenbringen. Ich vermute stark, dass ich in den Augen der Gesellschaft diesen Makel erst dann wettmachen kann, wenn ich wie fast alle Männer wieder Geldprovider bin.

Ein Mann muss also noch nicht einmal Kostenfaktor sein, um wie Luft behandelt zu werden. Es reicht, wenn seine Arbeit nicht schnell ein ausreichendes Einkommen abwirft! Die Rentner, Pensionäre, Sozialschmarotzer und Schwarzarbeiter mögen sich schamlos an den Früchten der Steuerzahler bereichern, und sich einen Dreck um die Zukunft und die wirtschaftliche Nachhaltigkeit kümmern. Mein Bekannter und mit ihm viele andere stufen mich in der gesellschaftlichen Hackordnung noch darunter ein. Warum? Weil ich das Zeug hätte, einer der Arbeitssklaven Europas zu sein. Und weil ich momentan mein Potenzial stattdessen nutze, um etwas gegen die Entwicklung zur Sklavenhalter-Gesellschaft zu tun (siehe auch Für den Austritt Deutschlands aus der Eurozone).

 

01.02.2013
Bin momentan gestresst, und das nicht zum ersten Mal. Da ist wieder diese Unruhe, die ganz plötzlich noch stärker werden kann, auch wenn ich äußerlich gelassen eine Tätigkeit nach der anderen verrichte. In solchen Momenten lastet ein Druck auf mir, dem ich mich nicht einmal entziehen kann, wenn ich bequem sitze, die Beine auf den Nachbarstuhl lege, die Arme hinterm Kopf verschränke und versuche zu entspannen. Ein kurzer Gedanke daran, was alles zu schreiben, zu lesen, zu erledigen wäre, reicht, dass es mir in die Glieder fährt. Von jetzt auf gleich liegt ein Druck auf meinen Ohren. Als wäre es eine Rückkopplung in einer übersteuerten Verstärkeranlage, entsteht in meinem Kopf ein künstlicher Ton wie bei einer Stimmgabel. Oder wie früher beim Fernsehen, als vormittags nur ein Testbild gesendet wurde. Gott sei Dank wird der Sound dann bald auch wieder leiser, um irgendwann ganz zu verschwinden.

Solche Stressattacken sind mir ein Signal, dass ich nach einer Woche vielleicht mal wieder in der Bibel lesen könnte. Denn so kann ich mich auf das Wesentliche konzentrieren und den ganzen Irrwitz dieses unseres 'Gemeinwesens' abschütteln. Was ist das aber auch für ein Trommelfeuer, das auf uns Konservative und Liberale niederprasselt! Und es wird immer schlimmer mit all den dummdreisten Kampagnen gegen Amazon oder gegen die angeblich so sexistischen Männer - aber für die Rundfunkgebühren! Nicht zu sprechen von der organisierten Verantwortungslosigkeit der Wahlgeschenk-Politiker, angefangen bei der Energiewende über den Mindestlohn bis zu den verschiedenen Rettungsschirmen für europäische Länder. Viele Artikel, die mir zum Beispiel über Facebook zugespielt werden, bestürzen mich, und bestätigen, dass der Umverteilungsstaat über kurz oder lang wie ein Kartenhaus zusammenfallen wird.

Natürlich stehe ich wie fast alle arbeitsfähigen Männer unter dem Erfolgsdruck, von dem die Sherpas unserer frauenzentrierten Gesellschaft getrieben sind. Immerhin gehen meine Rücklagen bald zu neige, und mit meiner Selbstständigkeit verdiene ich nicht einmal genug, um die Miete zu bezahlen. Über kurz oder lang muss ich mir also einen Job suchen, halbtags und sehr flexibel, weil ich in Abhängigkeit von den Arbeitszeiten meiner Exfrau oft für meine beiden Kinder zuständig bin. Wo oder in welchem Bereich ich mich bewerben soll, tja, das ist die Frage. Ich werde schon was finden, hab aber keine Ahnung, was auf mich zukommt. Nicht zuletzt bin ich auch wegen meiner Aktionen des zivilen Ungehorsams gestresst, denn auch hier gehe ich in eine ungewisse Zukunft. Aber was soll's, mein Leben ist in Gottes Hand.

Heute ist mir aber eine zusätzliche Erklärung für den Stress eingefallen. Nachdem ich mein Manuskript ohne Erfolg an 14 ausgewählte Verlage geschickt hatte, entschied ich mich kürzlich, das Buch mittels 'Print on Demand' zu veröffentlichen. Ich recherchierte im Internet, und auf einmal war mein Ziel greifbar nahe! Aber das Manuskript ist nicht wirklich fertig und wird es auch nie sein. Mein Thema ist der Niedergang des Abendlandes, und das ist eine Geschichte, die in ihrer Komplexität kaum zu überbieten ist und nie abgeschlossen sein wird. Was muss noch rein, in die erste Auflage? Wird es ein zweites oder ein drittes Buch geben? Der permanente Adrenalinschub kommt vielleicht zusätzlich von dem dummen Gefühl, dass ich nicht mehr viel Zeit habe, mein Werk zu veröffentlichen.

Der Gedanke hat mich beflügelt, denn wenn er stimmt, dann ist dieser Stress gar nicht nur die Folge der Erwartungen meiner Umwelt und meiner Erwartungserwartungen. Wenn ich mein Buch an ein paar Freunde, Bekannte und Verwandte verkauft habe, dann ist es in der Welt und kann auch nicht so leicht ausgeknipst werden. Als E-Book wird es ebenfalls erscheinen, und im Internet wird wohl auch weiterhin alles (oder zumindest vieles) kostenlos nachzulesen sein. Aber ein Buch mit richtigen Seiten zum Blättern funktioniert auch noch, wenn es nur eine Stunde am Tag Strom gibt und man dieses Zeitfenster für die Deckung der Grundbedürfnisse nutzen muss. Ein richtiges Buch kann man zur Not auch noch im Licht einer Kerze lesen, während ein E-Book unzugänglich ist, wenn nur eine von vielen Ursachen eintritt, die den E-Book-Reader unbrauchbar machen können.

Wenn mein Buch herausgekommen ist und in dem einen oder anderen Bücherregal steht, vielleicht kann ich mich dann zurücklehnen und mal wieder in Urlaub fahren. Möglicherweise habe ich mit der Veröffentlichung meine Bestimmung erreicht, den Job erledigt, den Gott für mich vorgesehen hat. Denn wie die Blues Brothers bin ich 'im Auftrag des Herrn unterwegs'. Ich stelle mir vor, dass sich später einer an mich und meine Ideen erinnert, mein Buch aus dem Regal holt, den Staub abwischt und darin liest. Ich selbst befinde mich womöglich schon längst im Jenseits, aber mit Hilfe meiner Gedanken lebe ich auch auf der Erde weiter. Und ich kann weiter präsent sein und Einfluss nehmen! Vielleicht sogar stärker, als wenn ich wie der Münchner im Himmel herunter fliegen würde, um mit meinem Leser bei einer Maß Bier stundenlang zu diskutieren.

 

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zuletzt geändert am 28. Juli 2016Martin Luther: In dieser Zeit ist nicht Vorsicht geboten, sondern Kühnheit.

 

Liberalkonservative Offensive Neoliberal? Egal! Der dressierte Mann
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